[Auszug aus] "Alkuin und die Komputistik zur Zeit Karls des Großen". Ms. Diss. Kerstin Springsfeld, Aachen 2000.

 

Kapitel III, 3.

b) Handschriftliche Überlieferung

Die Calculatio war aufgrund der einfachen Berechnungsmethode des Osterfestes äußerst beliebt. Sie wurde als Kapitel 19 in den Annalis libellus und als IV,19 in den 7-Bücher-Computus aufgenommen. Außerdem ist sie im Zusammenhang mit dem Brief Bedas an Wicthede überliefert worden.

Sie ist in siebzehn Handschriften erhalten und bereits fünfmal gedruckt worden:

  1. als Anhang zu Bedas Epistola ad Wicthedum (in: PL XC, Sp. 605-606 und noch einmal PL XCIV, Sp. 675-682) vielleicht nach Köln, Dombibliothek, 103 (künftig: C), hier ohne Überschrift, aber mit Schlußversen,

  2. aufgrund der Überschrift Calculatio Albini magistri unter den Werken Alkuins (in: PL CI, Sp. 999-1002) nach Vatikan, Biblioteca Apostolica, Pal. lat. 1449 (künftig: P),

  3. als pseudo-bedanisches Werk (Jones, Pseudepigrapha, S. 104-106) nach diesen beiden Drucken mit Varianten aus Rom, Biblioteca Vallicelliana, E 26 (künftig: Ly), wo sie Teil des Annalis libellus ist.

  4. im Libellus de argumentis lunae, einem komputistischen Sammelwerk aus dem 10. Jh.[1] mit vielen Kapiteln aus den karolingischen Fachenzyklopädien zur Zeitrechnung, das in der gedruckten Form in keiner Handschrift enthalten ist, hierin gefolgt von einer weiteren Beispielrechnung für das Jahr 936 (in: PL XC, Sp. 710B-711B).

Der Anhang dieser Arbeit enthält eine deutsche Übersetzung und eine weitere Version des Textes auf der Grundlage von

  1. C und den beiden gedruckten Texten nach dieser Handschrift in PL XC und XCIV,

  2. der mit C verwandten Handschrift Paris, Bibliothèque nationale de France, lat. 13013 (künftig: C*),

  3. P und dem Druck nach dieser Handschrift in PL CI,

  4. fünf Annalis libellus-Handschriften,

  5. fünf Handschriften, die Auszüge aus den karolingischen Fachenzyklopädien zur Zeitrechnung enthalten,

  6. zwei 7-Bücher-Computus-Handschriften.

Auf die Edition von Jones in Pseudepigrapha kann verzichtet werden, da diese auf den beiden gedruckten Texten und der auch hier benutzten Handschrift Ly fußt.


C Köln, Dombibliothek, 103

Die Handschrift ist überlieferungsgeschichtlich von großer Bedeutung, da sie dem Kölner Humanisten Johannes Bronchorst (Noviomagus, 1494-1570) 1537 zur Ausgabe der Werke Bedas zur Naturlehre und Zeitrechnung diente. Sie ist 810-818 im Auftrag des Erzbischofs Hildebald von Köln (vor 787-818) geschrieben worden.[2]

Da der Text der Calculatio in C nur wenig Abweichungen zu dem Text in PL XC und XCIV aufweist, scheinen sie tatsächlich nach dieser Handschrift herausgegeben worden zu sein.

C enthält die Calculatio ohne Überschrift aber mit den Schlußversen als Anhang an den Brief Bedas an Wicthede. Neben bedanischen Texten enthält C die Lectiones von 760/792 sowie mit den irischen Konzilsakten und dem pseudo-dionysische Argumentum XIIII zwei Abschnitte aus "Bede's Computus", außerdem einige Vorformen zu späteren Kapiteln der karolingischen Fachenzyklopädien zur Zeitrechnung.[8] In den Beispielrechnungen tauchen vor allem frühe Angaben auf: wahrscheinlich 684, 689, 703, 764, 775 und in der Calculatio eben 776. Wahrscheinlich hat der Kopist von C vor 795 Material abgeschrieben, das 793 auch der Bearbeiter des Annalis libellus benutzt hat. Alkuin könnte dieses Material als Liber Albini Magistri auf das Festland gebracht und dabei das pseudo-dionysische Argumentum XIIII zur Calculatio Albini magistri ausgearbeitet haben. Diese Vermutung wurzelt in der Tatsache, daß Walahfrid Strabo 827 in Fulda seine Auszüge aus den karolingischen Fachenzyklopädien zur Zeitrechnung Excerptum de libro Albini Magistri nannte.[9]


[1] Gedruckt in: PL XC, Sp. 701-728. Vgl. Jones, Pseudepigrapha, S. 55-59.

[2] Mikrofilm der kompletten Handschrift, außerdem eingesehen und Calculatio kollationiert. Borst, Kalenderreform, S. XVIII: "Köln 810-819", vgl. Borst, Plinius, S. 117, Anm. 94: "wahrscheinlich gegen 800" und Jones, Beda, S. 145: "801-810". Beschreibung Kat.-Nr. 23 in: Glaube und Wissen im Mittelalter, Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 129-135, hier S. 129: "um 795". Zum Inhalt vgl. Borst, Plinius, S. 136, Anm. 29, S. 117, Anm. 94, S. 144, Anm. 53, S. 159, Anm. 86.

[3] Annalis libellus, Kap. 60 mit falschen Zahlen für Stunden und momenta: statt 8.766 Stunden 9.760 und statt 350.640 momenta 350.660.

[4] Die Annalen beginnen mit der Geburt Jesu Christi im Jahr 533, so daß der Leser die Daten auf das Jahr 1 = 533 umrechnen muß. Umgerechnet bei Philipp Jaffé und Wilhelm Wattenbach, Ecclesiae metropolitanae Coloniensis codices manuscripti, S. 131-133.

[5] Daraus schließt Anton von Euw, Anmerkungen zu Hs. 103, in: Glaube und Wissen im Mittelalter, Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 129 auf eine Entstehung vor 795. Nach Angabe von Prof. Borst ist die Stelle für eine Datierung des ganzen Codex "höchst suspekt". Beim letzten Vorgänger heiße es zum Jahr 741: `Pippinus XVII´, statt richtig XXVII.

[6] Zugrundeliegende Ära vielleicht die der griechischen Bibel (6276 - 5470 = 806), sicher nicht die des Beda oder des Hieronymus (6276 - 3952 = 2324, 6276 - 5199 = 1077). Zur Indiktion 2 paßt z.B. das Inkarnationsjahr 689, das f. 186v genannt wird. Es würde sich eine Ära 5587 ergeben: 6276 - 689 = 5587. Diese paßt aber nicht zu den im Text folgenden Formeln, ebensowenig passen aber die übrigen Ären.

[7] Gedruckt von Krusch, Zeitrechnung, S. 78, Z. 22 - S. 79, Z. 5. Beispielrechnung für das erste Jahr des 19jährigen Zyklus mit Konkurrente 5, Ostervollmond Dienstag (5. April), Ostersonntag (10. April) mit Mondalter 19 hat. Jahre mit Goldene Zahl 1, Konkurrente 5 und Ostern am 10. April mit Mondalter 19 waren 589, 684, 931 und 1026, so daß als Abfassungsjahr am ehesten 684 in Frage kommt. S.u. Kap. V, 2. b).

[8] Enthalten sind die Kapitel 5, 33, -35, 37-38, 48, 50, 55-60, einige Abschnitte haben große Ähnlichkeit zu den Kapiteln 10, 30-31, 40-41, 46-47, 65, d.h. 14 Kapitel entstammen wörtlich dem Annalis libellus, 8 bilden Vorformen für spätere Kapitel. Die Tafel der siderischen Lunarbuchstaben, das Kapitel zum Fingerrechnen und die Mondaltertafel mit der Erklärung Bedas finden sich später im 7-Bücher-Computus.

[9] In der Handschrift St. Gallen 878, S. 277, zitiert nach Borst, Plinius, S. 181, Anm. 40. Vgl. o. Kap. I, 3. Anm. 36.