Summarium: Codex 215 conservat traditionem uniuscumque Dioecesis Germanorum liturgicam. Sequitur in plurimis casibus traditionem Codicis Hartkerii (S. Galli 390/391).
Allgemeines: Das musikalische Oevre ist größtenteils mit Hartker identisch und viele Besonderheiten aus Hartker (St. Galler Tradition) finden sich auch im Codex 215. Auch das Fehlen der Gesänge zur Schriftlesung zum Sonntag Sexagesima und deren folgenden Wochentage stellt ihn mit Hartker in eine Traditionslinie. Dies ist aber nichts Außergewöhnliches, da sich in deutschen Breiten diese Schriftlesung ab dem Spätmittelalter durchsetzte und erst mit Annahme des Tridentinischen Ritus je nach Diözese erst sehr spät allgemein üblich geworden ist. Besonders der Tempusgebrauch im Advent ist sehr wohl überlegt (Bevorzugung des Futurs). Die Menge des gesangliches Materials hält sich in etwa mit Hartker gleich, einiges fehlt im Gegensatz zu ihm, dafür ist anderes hinzugekommen. Die Reimoffizien sind nur selten vertreten und in einem Fall sogar noch nicht einmal neumiert.
Invitatorien: Die Invitatorien sind im allgemeinen ein schneller Hinweisgeber auf das gesamte liturgische Oevre in einer Handschrift, da sie häufig nicht die Zahl von einhundert überschreiten. Codex 215 bietet ein sehr konservatives Repertoire. Auch sind die Melodien zu eher seltenen, damals neugeschaffenen Invitatorien an den melodischen Ductus der klassischen Gesänge ausgerichtet. Modus 2,4 und 6 überwiegen wie auch in den meisten anderen Handschriften. Selbst dem Ivitatorium "Chorus resonet" fol.118v. liegt keine außergewöhnliche Sondermelodie zugrunde, obwohl es sich hierbei um das Patrizinium des Enstehungsortes der Handschrift handelt.
Antiphonen: Wie in einigen anderen Handschriften auch, weist Cod.215 für den Andvent drei eigene Antiphonen zu den Matutinen auf: a) Scientes quia, b) Nox praecessit c) Hora est jam. Diese drei Matutinalantiphonen begegnen uns noch im Dominikanerbrevier bis 1925, da der Orden dann die Brevierreform Papst Pius X annahm. Die neun römischen Matutinalantiphonen im Advent sind franziskanischen Ursprunges, sie sind natürlich nicht im Cod.215 vorhanden. Ebenso wie viele andere Antiphonarien deutscher Herkunft so finden sich auch in dieser Handschrift 12 "O-Antiphonen". Die Antiphon "Qui sunt hi" fol.91v. ist ebenso wie in Hartker erheblich länger als später im römischen oder benediktinischen Stundengebet angegeben. Hier ist die Tradition wesentlich getreuer im Cistercienserritus bewahrt worden (Diurnale Cisterciense, Westmalle 1954, pag.181). Während in Hartker noch einige jüngere Antiphonen fehlen, die sich noch bis zur Liturgiereform im römischen bzw. monastischen Brevier gehalten hatten, sind diese schon in Codex 215 zugegen. Z.B. die Kreuzescommemoration in der Osterzeit, die Antiphon "Hodie completi sunt dies Pentecostes" fol.104r., "Te Deum Patrem ingenitum", fol.106r.
Responsoria prolixa: Treu in der Auswahl der Gesänge ist Codex 215 auch bei den Responsorien. Das seltene Responsorium "Tristitia vestra", das noch der vorkonziliare Ritus als 8. Responsorium zum III Sonntag nach Ostern kennt, ist sonst selten in älteren Handschriften zu finden. Es taucht u.a. auf in: Codex Basel lit.465 fol.378v, Budapest 119 fol. 32v, Arras 465 fol.378v und Cambrai 38 fol.269r. Auch das später sehr beliebt gewordene Responsorium "Candidi facti sunt" zur Commune von Apostelfesten in der österlichen Zeit findet sich Codex 215, jedoch mit der Vers "In omnem terram" statt des Verses "Candiores nives" den das römische Brevier vorschrieb. Auch dieser jüngere Gesang folgt getreu den melodischen Strukturen eines klassischen Gesanges.
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