Holger Peter Sandhofe: Anmerkungen zu Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Codex 215


NEUMATA



Summarium: Codex 215 omnibus neumatibus usus est, qui nobis ex Codice Hartkerii nota sunt. Sed in scribendi formis deformata et simpificata atque lineae crassiores.


Tractulus: Der Tractulus ist im Gegensatz zu den älteren St. Galler Schreibweisen nur noch zu einem Punkt reduziert. Damit deutet sich schon die spätere Rautenform in der Hufnagelnotation (Germanischer Choraldialekt) an. Er erhält keinerlei weitere Modificationen mehr wie noch in Hartker (Hasten oder Romanusbuchstaben).


Virga: Die Virga besitzt an ihrem oberen Ende eine Haste, die auch gelegentlich fehlen kann. Ihr darf man wohl keine besondere Bedeutung beimessen, sondern eher in ihr eine Beliebigkeit des Schreibers erblicken. Die Haste ist im Gegensatz zum Codex Hartker linksgeschrägt und fügt sich somit dem dynamischen Schreibfluß der gesamten Neume an.


Pes: Der Pes ist zu Beginn meist gänzlich zu einem Kreis geformt, einen graden Pesbeginn findet man nur noch selten. Am oberen Ende mündet er zumeist in eine kleine Haste, die auch als eine Beliebigkeit angesehen werden darf.


Clivis: bei der Clivis kann nur noch das Ende des Bogens episemiert werden. Auch hier handelt es sich um einen beliebigen Schreibvorgang, der aus der Benutzung des Schreibwerkzeuges herrührt.


Quilisma: Dem Qilisma ist immer noch eine Vornote gegeben, das Quilisma aber selbst ist meistens nur noch zweizackig. Das dreizackige Quilisma bildet die Seltenheit im Gegensatz zu den älteren St. Galler Handschriften.


Epiphonus: Der Epiphonus wird nur noch gesetzt wenn er diminutiv gemeint ist.


Cephalicus: Er wird noch sowohl in augmentativen wie in diminutiven Fällen verwendet.


Pressus: Er wird noch immer gesetzt und fehlt in nur ganz wenigen Fällen, bei denen er durch Virga und folgende Clivis oder nur durch eine Clivis ersetzt wird. Umgekehrt tritt es auch ein, daß Virga + Clivis in einen Pressus umgewandelt werden. Dieses Phänomen ist auch aus Hartker bekannt, wenn eine Diäresis (Neumentrennung) bzw. eine Krasis (Zusammenzug von Neumen) vorliegt.


Porrectus: Ebenso wie die anderen Neumen ist seine gelegentliche Endepismisierung nur eine schreiberbedingte Variante ohne eigene Bedeutung.


Scandicus: Der Scandicus weist keine Besonderheiten auf. Gelegentlich können die unteren Puncta leicht strichartig ausfallen, die obere Virga schließt immer in einer typischen Haste.


Salicus: Der Salicus von Codex 215 weißt an der vorletzten Stelle immer eine leicht linksgeschrägten geraden Tractulus auf, während in Hartker dieser noch rechtsgeschrägt ist und entweder Tilden- oder Halbkreisform hat.


Trigon: Das Trigon scheint zunächst auf den Kopf gestellt, jedoch ist hierin nur eine extreme Kursivierung zu sehen, so wie schon bei den Hasten der Virga und im Salicus.


Oriscus: Er kann schon einmal gelegentlich in zusammengesetzen Neumen zu einem Pressus umgedeutet werden, was aber nur seine Vortragsweise (Repercussion) bestätigt.


Ancus: Der Ancus ist voll erhalten und nur um die Möglichkeit der Episemierung verarmt.


Strophicus: Die Strophici entbehren nur einer eigenen Form in Falle der Liquenszierung. Eine eigene Schreibung für einen liquieszierenden Strophicus gibt es nicht mehr.


Torculus: Der Schreibweise der übrigen Neumen gemäß beginnt er mit einem kreisförmigen unteren Tonansatz und endet wie ein Clivis, mal mit Haste, mal ohne. Häufig tritt auch eine Bistropha anstelle iner Bivirga auf.


Neumen im Allgemeinen: Cod. 215 neigt dazu eher zu liquenszieren als frühere Handschriften; da die Setzung von liquiden Neumen eine Frage der phonetischen Bedingungen des Textes ist, darf davon ausgegangen werden, daß sich die Aussprache des Lateins weiter verschliffen hat. Während noch in den ältesten St. Galler Codices eher selten über R und T (vor allem bei der Konjunktion "et") liquesziert wird, so tritt dies im Codex 215 höchst regelmäßig auf. Trotz teils starker Vergröberung der Neumenformen, neigt der Schreiber zu einer bisweilen extremen Kursivierung der Notation. Dem Neumenbild ist es noch anzusehen, daß der Scribent "adiastematisch" dachte und noch keine Notenlinien im Sinne hatte.


Virga strata: Sie verkümmert häufig zu einer einfachen Virga, sogar in der Schemamelodie des 4. Modus der Antiphonen im Advent. Bei melodischen Tiefpunkten schrumpft sie zu einem Tractulus. Als Teilneume bleibt sie jedoch weitestgehend erhalten. Ebenfalls als Einzelneume bleibt sie erhalten wenn es sich dabei um einen Halbtonschritt aufwärts handelt und nicht um eine Repercussion.


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