Summarium: Dubium sit an codice liturgiae usus sit an non. Fortasse Coloniam ante ejus perfectionem venit.
Allgemeines: Daß das Responsorium "Ecce dies venient" gleich zu Anfang steht, obgleich der Codex nicht zum Kölner Ritus entstand, sondern in Würzburg, könnte eine Erklärung sein, warum diese Handschrift nach Köln kam. Denn im Kölner Ritus wurde ebenfalls dieses Responsorium zur ersten Vesper des ersten Adventssonntages gesungen. Codex 215 schien wohl den Importeuren als besonders leicht adaptierbar für die liturgischen Eigenheiten der Erzdiözese Köln. Ob der Codex überhaupt jemals "liturgisch" verwendet wurde, oder nur als Nachschlagewerk fungierte läßt sich nur mutmaßen. Gegen eine reale Verwendung im liturgischen Dienst könnte das Fehlen der Neumierungen über den Venitepsalmen angeführt werden. Bis auf zwei Venite-Psalmodien sind sonst nur die ersten Strophen ausnotiert. Dies ist aber schon ein Mangel der aus der Würzburger Zeit stammt. Dort konnte man entweder die entsprechenden Melodien gänzlich auswendig oder nahm zu dessen Vortrag einen anderen Folianten zu Hilfe.
Wie in der Explicatio generalis schon erwähnt, folgt dieser Codex in seiner Psalmenaufteilung zum Offizium dem Kathedralcursus. Etliche der den Psalmen vorgeschaltetet Antiphonen sind nicht neumiert, da sie z.T schon vorher im Codex geschrieben stehen. Daß die verschiedenen Kurzlesungen oder auch längeren Lesungen zu den Matutinen mit eingetragen sind, begegnet uns vorzugsweise im Commune Sanctorum. Die anderen sich täglich ändernden Schriftlesungen hätten wohl den Umfang der Handschrift gesprengt. Die Hymnen, die ebenfalls nur teilweise oder gar nicht neumiert sind, wurden einerseits dem Psalterium vorgeschaltet, teils diesem nachgestellt. Diese Aufteilung ist auch nicht durch Umbindung entstanden. Es macht fast den Eindruck als handele es sich bei diesem Codex um eine Art "Belegexemplar", das als Abschreib-Vorlage dienen sollte; dies jedoch erklärt nicht die Psalmen, die mit beigegeben sind. Auch das diastematische Tonale macht in einem adiastematischen Codex keinen rechten Sinn. Die Tonalia waren dazu gedacht, das Singen eines Gesanges nach reiner Neumierung zu erleichtern. Zumal das Tonale in Codex 215 sehr mager ist und nur das allernotwendigste angibt. Sehr sinnvoll erscheinen allerding die "Gloria Patri"-Töne zu den Responsoria prolixa.Warum es nicht zur Ausneumierung des Gregoriumsoffiziums kam ist eine weitere Frage. Auch warum gelegentlich in einem Gesang die Neumierung abreißt, ist nicht gleich ersichtlich.
Vielleicht ist Codex 215 nach Köln gekommen, als er noch nicht gänzlich fertiggestellt war. Eine Kölner Auftragsarbeit war er sicherlich nicht; denn dazu hätte man erstens nicht auf ein Würzburger Skriptorium zurückgreifen müssen und zum anderen besaß man selbst genügend Kapazitäten, eine solch umfassende liturgische Handschrift in Auftrag zu geben. Die Nachträge im Kalendarium stammen von mehreren Händen. Dies bedeutet auch, daß er nicht auf einmal für die Kölner Verhältnisse zurechtgebogen wurde. Das schon mehrfach erwähnte Gregoriumsoffizium befindet sich ferner in der Siegburger Handschrift MS 0001. Diese entstammt dem späten 14. Jahrhundert (ca 1350-1380). Hier im Codex 215 ist es auch schon, jedoch unneumiert, wenngleich auch schon zur Neumierung vorbereitet. Warum ist die Neumierung nicht ausgeführt worden? Mehrere Möglichkeiten eröffnen sich:
Alle weiteren nähergehenden Fragen würden nur übermäßig ins Fabulöse gehen. Eines jedoch steht fest: Der Codex war nicht für Köln ursprünglich konzipiert und ist unvollendet.
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