Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 87. Beitrag von Judith Oliver in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 419-421

Psalter

Diözese Lüttich, zwischen 1280 und 1290

Dieser für das Stundengebet eingerichtete Psalter mit Noten wurde für ein Prämonstratenser-Kloster im deutschen Teil der Diözese Lüttich angefertigt. Die Litanei nennt zahlreiche Heilige, die in Lüttich verehrt werden, während die Responsorien des Totenoffiziums eher an Kölner Gewohnheiten anknüpfen (K. Ottosen, The Responsories and Versicles of the Latin Office of the Dead, Aarhus 1993, S.164f.). Die Hufnagelnoten und die farbigen Notenliniensysteme waren in Deutschland üblich, doch verwendete man sie auch in Lüttich. Schon früh kam die Handschrift in den Besitz eines Klosters der Kölner Diözese. Einige Seiten wurden ersetzt und Hymnen zu Ehren Kölner Heiliger eingefügt.

Die historisierte Initiale des ersten Psalms stellt den harfespielenden König David als Autor der Psalmen dar (1v). In der oberen Schlaufe der Initiale thront Maria mit dem Kind. Ihr zu Füßen kniet betend ein nimbierter Mönch in weißem Gewand, eine Schriftrolle mit den Worten Hermani Ioseph salve in den ausgestreckten Händen. Der selige Hermann Joseph - ein Prämonstratenser-Mönch - hatte in einer Vision die mystische Hochzeit mit der Jungfrau Maria erlebt und galt daher als zweiter Joseph. Er starb 1241 in dem Prämonstratenserinnenkloster Hoven und wurde in das nahegelegene Kloster Steinfeld in der Eifel überführt (Acta Sanctorum, Aprilis 1, S.679ff.). Seine Verehrung ist lokal begrenzt und vermutlich auf die Prämonstratenser beschränkt, da er nie heiliggesprochen wurde. Eine ähnliche Miniatur befindet sich in einem in der Mitte des 13. Jahrhunderts für die Prämonstratenser-Abtei Notre-Dame zu Parc in der Nähe von Leuven angefertigten Graduale (London, British Libr., Add. Ms.39678, fol.1). Es trägt die Schreibersignatur des Bruders Simon von Leuven, der von 1257-1266 Prior von Parc war (In Beeld Geprezen 1989, Nr.27, S.112ff.). In der Initiale zum 1. Advent A(d te levavi), mit der die Handschrift einsetzt, kniet wiederum ein weiß gekleideter Mönch vor der thronenden Maria mit Kind. Das Schriftband in seinen Händen ist heute leider unleserlich. Zum Zeichen für seine Aufnahme in das Königreich der Heiligen setzt das Christuskind dem Mönch eine Krone auf das Haupt.

Der Psalter ist - entsprechend der Einteilung nach Wochentagen - mit sieben historisierten Initialen illuminiert. Ihre Illustrationen setzen nach französischem Vorbild den Psalmentext wörtlich um und beziehen häufig die Darstellung König Davids ein. Die zwei singenden Kleriker zu Beginn von Psalm 97 Cantate Domino canticum novum (Singet dem Herrn ein neues Lied), die vor einem Lesepult mit einem offenen Chorbuch stehen, verdeutlichen den damaligen Gebrauch der Handschrift. Der Narr von Psalm 52, der in seinem Herzen die Existenz Gottes leugnet, reitet auf einem Hund. Kleinere Lombarden mit Fleuronnée, wie sie für das späte 13. Jahrhundert typisch sind, kennzeichnen die Psalmen 51 und 109. Mehr Eleganz zeigt dagegen die spätere Filigran-Initiale zur Totenvigil (167r): Sie führt Kreise in Kontrastfarben in das dichte Federfiligranwerk im Inneren der Initiale ein. Solche mehrfarbigen Ornamente waren im frühen 14. Jahrhundert üblich und finden sich ebenfalls in Dom Hs.183 (Kat.Nr.49).

Die Figuren aus Dom Hs.260mit ihren großen gebrochenen Falten und den leicht geschlitzten Augen sind für die französische gotische Malerei aus dem dritten Viertel des 13. Jahrhunderts charakteristisch. Ihr Stil gleicht dem des Codex McClean 43 aus Cambridge (Fitzwilliam Museum), dessen Miniator in den 1270er Jahren aus dem Artois nach Lüttich kam (Oliver II 1988, Taf.72 und 102). Ähnliche Figuren und sich verjüngende Initialverlängerungen zieren auch eine Gruppe von Antiphonarfragmenten, die heute in Münster aufbewahrt wird (Westfälisches Landesmuseum, Ms. EM 29. 1-27; J. Lammers, Buchmalerei aus Handschriften vom 12. bis zum 16. Jahrhundert, Münster 1982, Nr.7, S.24f.; Oliver 1987, S.395f., Abb.9; In Beeld Geprezen 1989, Nr.35, S.126ff.). Vergleichbare Initialausläufer lassen sich zudem in folgenden maasländischen Handschriften aus der Zeit um 1280 beobachten: einem Dominikaner-Graduale aus Hainault (Düsseldorf, Universitätsbibl., Ms. D. 10a) und einem Lütticher Psalter, der ebenfalls von einem Buchmaler aus Hainault illuminiert wurde (Rochester N.Y., Memorial Art Gall., Ms.53.68).

Dieser maasländische Stil wurde in Köln vorbildhaft: Er prägt die Miniaturen in dem kleinen Psalter einer privaten Sammlung in Neuss und in späteren Handschriften, die für die Franziskaner in Köln hergestellt wurden (Darmstadt, Hess. Landes- und Hochschulbibl., Ms.3116A und Baltimore, Walters Art Gall., Mss. 41 und 111; J.M. Plotzek, Andachtsbücher, Ausst.Kat. Köln 1987, Nr.9; Oliver 1978). Alle diese Codices sind früher entstanden als das 1299 datierte Graduale des Johannes von Valkenburg in Köln (Diözesan Hs.1b, Kat.Nr.88), wo die Initialverlängerungen gerahmt sind und Drôlerien einschließen. Eine Datierung von Dom Hs.260 in die 80er Jahre des 13. Jahrhunderts ist wahrscheinlich.

Judith Oliver