Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 2. Beitrag von Carolyn A. L. Bunten in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 168-171

Bibel

Köln (?), Ende 13. Jh.

Im 13.Jahrhundert ging man gezielt an eine Überarbeitung der lateinischen Vulgata - der Bibelübersetzung des Kirchenvaters Hieronymus (347/348-419/420) -, die in häufig mehrbändigen Werken und mit hoher Variationsbreite überliefert war. Begonnen hatten diese Strömungen Ende des 12./Anfang des 13.Jahrhunderts mit der Lehrtätigkeit Pariser Gelehrter wie Petrus Cantor (gest. 1197), Petrus von Poitiers (1130-1205) und Stephen Langton (gest. 1228). Mit der Konstituierung der Universität von Paris als Körperschaft um die Jahrhundertmitte wurde es notwendig, für den Lehrbetrieb eine mehr oder weniger verbindliche Bibelfassung anzufertigen. Aus diesen Bemühungen resultiert ein Pariser Bibeltypus, der den Äußerungen Roger Bacons (1267) zufolge in seinen Grundzügen kurz vor 1230 fertiggestellt war und sich schließlich im 'Codex Sorbonicus' von 1270 (Paris, Bibl. Nat., Lat. 16260) manifestierte. Die 'Biblia Parisiensis' des 13.Jahrhunderts und ihre zahlreichen Abschriften weisen folgende Charakteristika auf: Die Bibel wurde in einem Band vereint, und man standardisierte Anordnung und Namen der Bibelbücher sowie die Anzahl und Auswahl der auf 64 "festgelegten" Prologe. Die mit leichten Änderungen versehene Kapiteleinteilung des Stephen Langton und dessen 'interpretationes nominum hebraicorum' - das alphabetische Wortregister biblischer Eigennamen mit ihren Erklärungen - fanden Eingang in den Bibeltext. Dom Hs.2 folgt sowohl im Layout des Textes (Zweispaltigkeit, regelmäßige Anwendung von Seitentiteln und kapitelkennzeichnende Zierbuchstaben) dem üblichen "Pariser" Standard, als auch in der formalen Abfolge der Bücher und größtenteils der Prologe. Bei letzteren bestehen einige Abweichungen, so entfällt z.B. der zweite Prolog (Matthaeus cum primo) vor dem Matthäusevangelium. Andererseits lassen sich auch die zusätzlichen Prologe (Stegmüller 455, 535) wenn nicht direkt in der Pariser Ordnung, so doch in der Mitte des 13.Jahrhunderts kompilierten Bibelausgabe des Hugo von St. Cher 'Postilla super totam Bibliam' finden (gedruckte Ausg. Lyon 1669).

Die Pariser Bibel teilte das Alte Testament in geschichtliche, weisheitliche und prophetische Bücher ein, denen die Bücher des Neuen Testamentes beigeordnet wurden. Obgleich bei der Illustration von Dom Hs.2 neben exegetischen Darstellungen der Textbezug Priorität besitzt, unterliegen sowohl die Auswahl mancher Szenen als auch die einzelnen Bildtypen zeitgenössischen Tendenzen. Ein schönes Beispiel bilden die Initialen zu den Büchern Josua (54r) und Richter (60r). Während in nordfranzösischen und englischen Handschriften des 13.Jahrhunderts der Schwerpunkt der Darstellungen zu Josua auf der Berufungsszene (Jos 1,1) liegt (resultierend aus der auf Origines zurückgehenden Deutung vom Tod des Moses als Ende des Alten Bundes und der Berufung Josuas als Beginn des Neuen), betont unsere Initiale, in der Josua die Sonne anhält (Jos 12-14), mehr den kriegerischen Charakter des Buches und greift damit eher auf romanische Bildkompositionen zurück (z.B. Gumbertsbibel in Erlangen, Universitätsbibl., Ms. perg. 1). Dagegen entspricht die Wappnung der Figuren zeitgenössischen Usancen: Statt der über dem Kettenpanzer getragenen knöchellangen Tunika bevorzugte man seit der Mitte des 13.Jahrhunderts die Knielänge. Die Initiale zum Buch Richter illustriert nahezu wortwörtlich die Textstelle 16,19. Hier schneidet ein an seiner Kappe zu identifizierender Diener - ein Bildtopos aus der zeitgenössischen Hofgesellschaft - dem im Schoße der Delila liegenden Samson die Lockenpracht ab. Einige Bildszenen des Codex lassen sich nahezu mühelos in bestehende Darstellungskonventionen des 13.Jahrhunderts einreihen, wie z.B. die Prophetenbilder, der Tod des Amalekiters zu Könige 2 (77v) oder die Entrückung/Himmelfahrt des Elias (94v), die sich in nahezu jeder illustrierten Bibel vom 11.Jahrhundert an als Illustration zu Könige 4 findet. Diese Beliebtheit basiert auf der typologischen Bedeutung der Entrückungsgeschichte in Bezug auf die Himmelfahrt Christi im Neuen Testament. Eine motivische Besonderheit bilden die das Pferdegespann ersetzenden Engel. Die weitverbreitete Illustration der Krönung Mariens zum 'Canticum canticorum' auf Folio 173v entwickelte sich einerseits aus der Exegese der mittelalterlichen Kirchenväter (Ambrosius, Gregor der Große), andererseits wurde sie von der im 12.Jahrhundert einsetzenden, liturgisch bedingten marianischen Deutung des Hohenliedes (z.B. Rupert von Deutz) stark beeinflußt. Interessant sind hier die gotischer Architektur nachempfundenen spitzbogigen Dreipässe des Rahmenwerks als Symbol des Himmlischen Palastes. Im Gegensatz dazu orientieren sich die zwei vorhergehenden Initialbilder der alttestamentlichen Bücher Leviticus (28r) und Könige 1 (68v) an romanischer Architektur. Solche Stilgegensätze dienen innerhalb der 'Bible moralisée' u.a. zur Differenzierung von Ereignissen, die entweder als dem Alten Bund (byzantinisch-romanische Formen) oder dem Neuen Bund (gotische Stilelemente) zugehörig betrachtet werden (R. Haussherr, in: ZKG 31 [1968], S.101ff.). Ikonographisch und dem Illustrationsprinzip nach weist auch die Bebilderung der Psalmen Besonderheiten auf. Während im frühen Mittelalter die formale Dreiteilung der 150 Psalmen üblich war (Ps1, 51, 101), maß man im 13.Jahrhundert der Morgengebet und Sonntagsvesper betonenden Achtteilung (Ps1, 26, 38, 52, 68, 80, 97, 109) bzw. der aus beiden Formen resultierenden Zehnteilung besondere Bedeutung zu. Unsere Bibel folgt dem letztgenannten Gliederungssystem, wobei jedoch Psalm 109 nur durch eine größere Fleuronnée-Initiale hervorgehoben wird. Aber hier ist nicht der Wortsinn illustriert, sondern das Leben des Psalmenautors David. Dabei läßt sich übrigens eine Eigenart deutscher, insbesondere oberrheinischer Psalterien des 13.Jahrhunderts (vgl. z.B. München, Bayer. Staatsbibl., Clm15909) beobachten: Die Dreiteilung mit ihren bevorzugten Bildthemen 'Taube und David' (Ps1), 'Michael und der Drache' (Ps5) und 'stehender Heiliger' (Ps101) wurde in den 'Kölner' Bildzyklus übernommen, und um dieses "Grundgerüst" gruppierte man die Davidszenen.

Eine solche Verbindung wirft die bisher noch nicht zufriedenstellend beantwortete Frage nach der Herkunft der Handschrift und ihres Stiles auf. Direkte Vergleichsbeispiele sind schwer faßbar. Auch auf dem Wege des Ausschlußverfahrens mit vermutlich aus dem Kölner Raum kommenden zeitgleichen Handschriften (z.B. Berlin, Staatsbibl. PK, Ms. theol.lat.fol.8) finden sich wenig stilistische Anhaltspunkte für Dom Hs.2. Nicht auszuschließen sind ikonographische und stilistische Vorbilder der frühen Lütticher Buchmalerei, die einen großen Einfluß auf die Buchmalerei um und nach 1300 in Köln ausübte.

Carolyn A. L. Bunten