Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 143. Beitrag von Ulrike Surmann in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 385-390

Everger-Lektionar

Köln, zwischen 985 und 999

Das fälschlich als Lektionar bezeichnete Epistolar enthält die Lesungen der Messe, die dem Alten Testament, den Apostelbriefen, der Apostelgeschichte und der Apokalypse entnommen sind. Als Schreiber zahlreicher Briefe fällt vor allem dem Apostel Paulus die Autorschaft des Epistolars zu. Sein Autorenportrait wird daher häufig dieser Textsammlung vorangestellt. Auch in dieser Handschrift gilt ihm und dem Patronatsheiligen Petrus, für dessen Kirche der Codex hergestellt wurde - das Formular seines Festtages ist besonders hervorgehoben (104v) -, die Verehrung des Stifters, des Erzbischofs Everger von Köln (985-999). Auf dem zweiseitigen Devotionsbild (3v-4r) liegt er, in seine liturgische Amtstracht gekleidet, ausgestreckt auf einer blühenden Wiese. Seine Haltung unterscheidet sich von der Proskynese, dem liegenden Knien des byzantinischen Hofzeremoniells. Über die betend vorgestreckten Hände ist der Manipel gelegt. Auf derselben Wiese thronen ihm gegenüber die Apostelfürsten Petrus und Paulus in der Art einer frühchristlichen Disputatio, unterschieden lediglich durch ihre für sie typische Physiognomie und die Gestik. Während Paulus den Stifter zu segnen scheint, weist Petrus über den Bildrahmen hinaus auf Everger hin. Möglicherweise hat er soeben den Manipel überreicht (Schönartz 1985). Die Beischriften erläutern das Geschehen: Während auf der linken Seite der Erzbischof die Apostel um die Befreiung von seinen Sünden bittet, bezeugt in der Umschrift des rechten Bildes das Buch die Stiftung und den dargestellten Vorgang. Konkrete Aussage, die sich vielleicht auch aus der Gestik der handelnden Personen ergibt, und juristische Relevanz dieses ungewöhnlichen Devotionsbildes sind noch unerforscht.

Das Epistolar Evergers steht zusammen mit Dom Hs.53 und vielleicht mit Dom Hs.5 (Kat.Nr.41) und dem Gundold-Evangeliar (Stuttgart, Württembergische Landesbibl., Bibl. 40 2) am Anfang der Kölner ottonischen Buchmalerei (Nordenfalk 1971). Trotz vieler Gemeinsamkeiten - z.B. der Vorliebe für Graecismen, die hier fehlerhaft auftreten - unterscheiden sich die Handschriften von ihr in Figuren-, Ornament- und Initialstil, so daß deren Ursprung nicht in dem vielleicht im Kloster St. Pantaleon beheimateten Skriptorium, sondern in der Domschule vermutet wird (Kottje 1991, von Euw 1991). Während die Initialen mit ihren geflochtenen Ranken auf Vorlagen aus Trier und von der frühen Reichenau verweisen, finden Ornamentmotive und Ikonographie ihre Quellen in der Hofschule Karls des Kahlen (840/843-877), wie z.B. in dem zweiseitigen, selbst in der landschaftlichen Gestaltung sehr ähnlichen Devotionsbild im Psalter des späteren Kaisers (München, Schatzkammer der Residenz). Dieses oder ein ähnliches wird auch zitiert im Mainzer Gebetbuch Ottos III. (996-1002) (München, Bayer. Staatsbibl., Clm 30111), so daß letztlich nicht zu entscheiden ist, ob die spätkarolingischen Vorläufer direkt oder über eine frühottonische Vermittlung aufgenommen wurden.

Ulrike Surmann