Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 119. Beitrag von Anton von Euw in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 256

Burchard von Worms: Decretum

Worms, um 1020

Die wahrscheinlich zwischen 1008 und 1012 in Worms von Bischof Burchard (1000-1025) zusammengestellte kirchenrechtliche Sammlung enthält, wie die Textnachweise am Rand der einzelnen Stücke ergeben (vgl. Hoffmann/Pokorny 1991, S.173ff.), die gesamte kirchenrechtliche Überlieferung, die von den alten Konzilien bis in die Gegenwart Burchards verfolgbar wird, einschließlich der insularen und kontinentalen Bußbücher. Inhalt und Gliederung des immensen Werkes zeichnen sich in den unten wiedergegebenen Tituli der Bücher deutlich ab. Die Kirche mit ihren Ämtern bildet den Ausgangspunkt (I-III), Taufe und Eucharistie (IV-V) vertreten die Sakramentenlehre der Kirche, Recht auf Leben und Eherecht (VI-VII), geistliche und weltliche Gesellschaftsordnung sowie Bekämpfung von Lastern (VIII-XVII) finden hier Normen und Regeln. Das Bußwesen ist besonders berücksichtigt (XVIII-XIX). Der 'Liber speculationum' (XX) dringt schließlich zur Seele des Menschen, zum freien Willen, zu Gott, den Engeln, dem Antichristen und dem Jüngsten Gericht vor.

Während Kerner (1983) noch die Ansicht vertrat, Dom Hs.119 sei in den achtziger Jahren des 11. Jahrhunderts entstanden, konnte Hoffmann (1991, S.20f.) überzeugend darlegen, daß viele der zwölf an der Handschrift beteiligten Schreiber im bischöflichen Skriptorium in Worms tätig gewesen sein müssen und auch an anderen Wormser Dekret-Handschriften mitgeschrieben haben (wie z.B. Rom, Bibl. Vaticana, Pal. lat. 585; Frankfurt, Stadt- und Universitätsbibl., Barth. 50; Bamberg, Staatsbibl., Can. 6). Dom Hs.119 entstammt somit einem leistungsfähigen Skriptorium des Wormser Domstiftes wohl aus der Zeit um 1020.

Leider gingen der Anfang mit dem Prolog Burchards sowie der Schluß offenbar schon vor der Neubindung im 18. Jahrhundert verloren. Die Handschrift diente sehr wahrscheinlich als Vorlage für die 1548 bei Melchior von Neuss (Novesianus) gedruckte Erstausgabe des Dekrets (vgl. Kerner 1983; G. Fransen/T. Kölzer [Hgg.], Burchard von Worms, Decretum libri XX, [1548] Erg. ND Aalen 1992).

Anton von Euw