Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 1001b. Beitrag von Markus Müller in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 423-426

Graduale des Johannes von Valkenburg

Köln, Minoritenkonvent, 1299

Auf der ganzseitigen Eingangsminiatur (1r) kniet innerhalb eines portalähnlich angelegten gotischen Architekturprospekts der Franziskaner-Minorit Johannes von Valkenburg, flankiert von den Heiligen Clara und Bonaventura; darüber thront Christus neben Maria und dem hl. Franziskus. Johannes weist auf eine Inschrift, die ihn als Schreiber der Gesangstexte und Noten sowie als Illuminator der Handschrift bezeichnet und 1299 als Jahr der Fertigstellung anführt Ego frater Johannes de Valkenburg scripsi et notavi et illuminavi istud graduale et complevi anno Domini millesimo ducentesimo LXXXX nono. Im selben Jahr, gleichfalls inschriftlich verbürgt, schuf er ein weiteres Graduale, das heute in der Bonner Universitäts- und Landesbibliothek (S 384) aufbewahrt wird. Der identische Text wird dort von Miniaturen begleitet, die an wenigen Stellen von den ikonographisch originelleren Kölner Illustrationen abweichen. Die Wahl des Miniaturenschmucks deutet auf eine Nutzung beider Handschriften in einem Franziskanerkloster hin. Das verdeutlichen in Diözesan Hs.1b die Darstellung des hl. Antonius von Padua in der Initiale zum Introitus I(n medio ecclesie) im 'Proprium de sanctis' (Folio 215v) und die Miniatur auf Folio 232v zum Fest des hl. Franziskus. Die Initiale zum Introitus G(audeamus omnes) zeigt die ikonographisch selten belegte wundersame Heilung eines Krüppels bei der Translozierung der Gebeine des Heiligen, angeregt wohl von der ersten, von Thomas von Celano (um 1190-1260) verfaßten Vita des hl. Franziskus.

Nach Maßgabe seines Namens stammt Frater Johannes aus dem unweit von Maastricht gelegenen Valkenburg (Fauquemont). Die Kölner Franziskanerprovinz umfaßte im 13. Jahrhundert eine bedeutende Zahl brabantischer Konvente, zu denen auch ein Kloster in Maastricht zählte. Seit den grundlegenden Forschungen Graf Vitzthums betrachtete man die mit Johannes zu verbindenden Gradualien wiederholt als Beginn der hochgotischen Buchmalerei in Köln. In ihnen wird die stilistische Vorbildhaftigkeit maasländischer, aber auch über Zwischenstufen vermittelter Pariser Handschriften evident. Neuere Untersuchungen belegen, daß Frater Johannes jedoch keinesfalls Initiator dieser Rezeptionswelle war, sondern vielmehr eine bereits bestehende künstlerische Assimilierung dieser Vorbilder in Köln in den 1280er Jahren fortsetzte. Diese wird bereits im Falle zweier aus diesem Zeitraum stammender und für die Kölner Franziskaner geschaffener Psalter faßbar (Baltimore, Walters Art Gall., W. 41, W. 111).

Für die Ausschmückung der liturgischen Handschriften entwickelte Frater Johannes ein einheitliches und konsequent angewendetes Dekorationssystem. In Einzelmotiven erkennt man die vor allem durch maasländisch-Lütticher Buchmalerei vermittelte Kenntnis Pariser Vorbilder. Erwähnt sei die Vorliebe einer radialen Anordnung weit ausgreifender, stachelig-abstrakter Rankenarme ("Windmühlenflügel"), wie sie zuerst in der Pariser Buchmalerei in der sog. Sainte-Chapelle-Gruppe auftreten (R. Branner, Manuscript Painting in Paris during the Reign of Saint Louis, Berkeley u.a. 1977). Als weiteres charakteristisches Schmuckmotiv der beiden Gradualien sind jene kleinen Goldkugeln (engrÍlé) zu nennen, die auf den Spitzen wellenförmig ausgeschnittener Rankenprofile sitzen und wohl aus der Heraldik abgeleitet sind. Unmittelbar prägend könnten für Frater Johannes hierbei der in der Diözese Lüttich geschaffene Reuschenberg-Psalter (Privatsammlung) und ein vermutlich von einem Lütticher Buchmaler illuminierter Psalter (Dom Hs.260, Kat.Nr.87) gewesen sein, die eine vergleichbare Vorliebe für 'engrÍlé'-Besatz zeigen.

Die Figuren bzw. Szenen in den Initialen werden häufig von gestuften Wimpergen mit Dreistrahl- und Paßformen bekrönt. Die nach 1280 entstandenen Kirchenfenster der dominikanischen Hl. Kreuz-Kirche, heute in der Michaelskapelle sowie der neuen Sakristei des Kölner Domes, weisen hierin frappierende Ähnlichkeit zu den Miniaturen auf. Auf ihnen findet der - offensichtlich auch für die Miniaturen des Frater Johannes vorbildliche - Typus des Standfigurentabernakels Einzug in die Kölner Glasmalerei. Die mit Rayonnant-Maßwerk verzierten Wimperge der historisierten Initialen scheinen ferner architektonische Motive der unter Meister Arnold erfolgten Bauphasen des Kölner Domes zu verarbeiten. In dieser modischen Aktualisierung der Miniaturrahmungsmotive folgt Frater Johannes vergleichbaren Tendenzen der Pariser Buchmalerei des 13. Jahrhunderts, wo die bereits erwähnte Sainte-Chapelle-Gruppe in ihren Miniaturen unmittelbar auf architektonisch hochaktuelle Zierformen des Nordtransepts von Notre-Dame reagiert. Damit stellt die Miniaturmalerei des Johannes von Valkenburg eine einzigartige künstlerische Synthese zwischen französisch-maasländischen, in Köln selbst vorgefundenen und assimilierten Stileinflüssen dar.

Markus Müller