Der Dom zu Köln. Festschrift zur Feier der 50. Wiederkehr des tages seiner Vollendung am 15. Oktober 1880. In Verbindung mit E. Beitz, G. Frenken, F. Gescher, O. Karpa, H. Keussen, F. W. Lohmann, H. Rosenau, H. H. Roth, H. Voghts und F. Witte bearbeitet und herausgegeben von Erich Kupahl. Veröffentlichungen des Kölnischen Geschichtsvereins 5. Köln 1930, S. 235-256.

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Die Kölner Domschule im Mittelalter *

von

Goswin Frenken.

Ob schon in der Römerzeit eine christliche Schule in Köln bestanden hat, wissen wir nicht. Es ist aber nicht wahrscheinlich. Die kaiserliche Residenz Trier war darin Köln zweifellos voraus. Dort haben die Rhethorenschulen fortbestanden. Dorthin ging von Rom aus der junge Hieronymus, seine Studien in den weltlichen Wissenschaften zu vollenden und seine theologische Ausbildung zu beginnen. Wir dürfen also für Trier vielleicht an eine Schule denken, die an der Bischofskirche bestand und den jungen Klerus heranbildete. In Trier hat ja auch der berühmte Athanasius geweilt und vorübergehend hielt sich der große Ambrosius von Mailand dort auf. Ausonius, der Dichter der Mosella, hat in Trier den späteren Kaiser Gratianus er- Seite 236 zogen, damals äußerlich Christ, in seinen Werken ganz heidnischer Rhethor. Trier war die erste unter den Nebenbuhlerinnen der ewigen Stadt. Wissenschaft und Kunst erlebten hier vielleicht mehr noch als in Rom eine Nachblüte. Und wie Ausonius erweist sich auch der christliche Sittenprediger Salvian als Schüler der späten Rhethoren. Er hatte Verwandte in Köln, stammte vielleicht selbst aus Köln oder seiner Nähe, aber von einer Schule in Köln, von einem Kölner literarischen Leben erfahren wir auch von ihm nichts. Das einzige literarische Denkmal der spätrömischen Zeit, das man gelegentlich mit einem Kölner als Verfasser zusammengebracht hat, ist die Doctrina Severini episcopi, eine kleine Sammlung moralischer Sprüche von nicht eben großer Originalität. Man könnte wirklich an den Bischof Severinus als Verfasser denken, den letzten Kölner Bischof aus römischer Zeit, dessen Namen wir kennen. Venantius Fortunatus, den man nicht ganz mit Recht den letzten römischen Dichter genannt hat, besingt wie so viele andere, einen Kölner Bischof des sechsten Jahrhunderts, Carentinus. Er rühmt seine Bautätigkeit, von einer wissenschaftlichen oder lehrenden Tätigkeit weiß er nichts zu sagen. Mag dann auch zuweilen eine merovingische Hofschule in Köln ihren Sitz gehabt haben, mögen auch Kölner Bischöfe wie Kunibert ihr ihre Ausbildung verdanken, wir wissen nichts von ihr, und die Geschichte der Kölner Schulen beginnt für uns erst mit der Zeit Karls des Großen. Vor dieser Zeit sind gewiß die großen Klöster wie Prüm, Echternach, Stablo-Malmedy die Hauptstätten geistiger Bildung im Rheinlande gewesen. Karls des Großen Bemühungen um die Bildung des fränkischen Klerus sind bekannt. Hat man die Bedeutung seiner Tätigkeit für die allgemeine Volksbildung auch vielfach überschätzt, für die höhere Bildung, für die Ausbildung des Klerus ist sie über jeden Zweifel erhaben. Er berief aus dem ganzen Abendlande die Gelehrten an seine Hofakademie und von ihr aus strahlte die karolingische Kultur aus in Bistümer und Klöster. In Runderlassen wies Karl selbst und in den Beschlüssen der Konzilien und Synoden bahnten seine Bischöfe ihr den Weg. Ihr Ziel war das Erbe der Alten Seite 237 mit dem Wesen des Christentums unter Vorrang dieses in eine innige Verbindung zu verschmelzen. Schon der erste Kölner Bischof zu Karls Zeit, dessen Namen wir kennen, Rikvulf (c. 772799) war Karls Kultusminister, dem Angelsachsen Alchvine in Freundschaft verbunden. Als dieser Leiter der Hofakademie sein Lied aussendet, rings im großen Reiche die Freunde zu grüßen, gibt er ihm an den Kölner Bischof die Worte mit: 'Die Stadt Agrippina wird dir, so weiß ich, gnädige Herberge geben, dort grüße mit bescheidener Stimme den Vater Rikvulf. Sprich: Dein Lob wird immer, Geliebter, in mir verweilen'. Dies Lob und die Freundschaft des großen Gelehrten bezeugt, daß der Kölner Bischof willens und im Stande war, Karls Bestrebungen an seinem Sitze und in seinem Sprengel Eingang zu verschaffen. Noch enger war der Nachfolger Rikvulfs, Hildebald, der Hofakademie verbunden. Er führte in ihr den Namen des Hohenpriesters Aaron, wie Karl den des Königs David und hatte am Hofe eine einflußreiche Stellung als Erzkaplan des Kaisers. Ihn haben Alchvine und Angilbert in ihren Dichtungen besungen. Von Hildebalds Bemühungen um die Bildung der Geistlichen seiner Domkirche und seines Bistums aber gibt eine ganze Anzahl von Handschriften Zeugnis, die noch heute in der Dombibliothek bewahrt werden und die den Vermerk tragen: 'Unter dem frommen Vater Hildebald geschrieben'. Aus der Zeit von Hildebalds Nachfolger Hadebald ist uns dann ein Katalog der Dombibliothek erhalten (vom Jahre 833). Er verzeichnet etwa 115 Werke in etwa 175 Bänden, in der Mehrzahl theologischen Inhalts: Bibelausgaben, liturgische Bücher, Kirchenväter, kirchenrechtliche Quellen. Von den Dichtern des Altertums sind außer Vergil nur die christlichen Dichter Prosper, Sedulius und Juvencus vertreten. Einige Handschriften sind auch grammatischen, rhethorischen, dialektischen und zivilrechtlichen, eine sogar medizinischen Inhalts. Von dieser für ihre Zeit gewiß recht bedeutenden Bibliothek sind heute noch über 30 Handschriften in der Dombibliothek vorhanden. Daß die Dombibliothek auch benutzt wurde, bezeugt ein dem Katalog angehängtes Ausleihverzeichnis, das unter den Entleihern den Erzbischof selbst, Seite 238 einen Abt Hildvin, einen Grafen Engilolf, einen Bischof Balderich und Helmbald, den Bruder des Erzbischofs, aufführt. Wenn uns all diese Zeugnisse auch das Bestehen einer Kölner Domschule unter Hildebald und Hadebald als sicher voraussetzen lassen, so wird sie doch ausdrücklich erst unter Hadebalds zweiten Nachfolger Gunthar erwähnt und gleichzeitig lernen wir auch zum ersten Male den Lehrer kennen, der ihr vorstand. Gunthar ist überhaupt der erste Kölner Erzbischof, von dem wir etwas genaueres wissen. Er stammte väterlicherseits von jenem Friesenhäuptling Radbod ab, von dem die Sage erzählt, er habe es vorgezogen, mit seinen heidnischen Vorfahren in der Hölle zu sein, statt durch die Taufe in den Himmel einzugehen, mütterlicherseits vermutlich aus fränkischem Adel. Wo er geschult war, wissen wir nicht, aber die Quellen zeigen, daß er die beste Bildung seiner Zeit in sich aufgenommen hatte. Wir lernen Gunthar, der in der Geschichte als Helfershelfer Lothars II. in seinem bösen Ehehandel keine sehr günstige Rolle spielt, als Förderer der lateinischen Dichtkunst und selbst als Dichter kennen. Sedulius Scotus, einer jener Iren, die durch die eingeborene Wanderlust ihres Volkes auf das Festland geführt werden, besingt ihn in mehreren Gedichten als seinen Gönner und Dichtergenossen. In einem davon wendet er sich an seine Muse: 'Heilige Muse, wer hat dich mit dem Mantel geschmückt, wer gab dir dein frohes Gesicht. Wer hat dir den Lorbeerkranz um dein Haupt gewunden'. Und die Muse antwortet 'Ich habe einen großen Homer gefunden. Bischof Gunthar ist es, dessen mächtige Hand mich so geschmückt hat. Er lehrt mich die süßen Gesänge der Musen sprechen, er, der größer ist als Phoebus Apollo'. Sedulius wünscht ihm dann Wohlergehen und dankt für die Gaben, die seine Milde ihm geschenkt. 'Mein Gedicht brauchst du ja eigentlich nicht. Denn du schöner Versemacher hast selber schöne Lieder geschaffen. Der glänzende Hirt hat liebliche Lämmer gebildet'. Ein anderes Gedicht Seduls soll eine Inschrift sein für eine Bibelausgabe, die Gunthar, die gerühmte Leuchte, dem heiligen Petrus, also der Kölner Domkirche geschenkt hat. Ein drittes beschreibt allego- Seite 239 rische Bildwerke, offenbar Gemälde, die Gunthar für eine Kirche gestiftet hat. Ein viertes beklagt die Trennung von Gunthar. 'Wie eine furchtsame flügellose Heuschrecke muß ich hier im kalten Winter erschlaffen, ohne meinen geliebten Gönner sehen zu können'. Die eigenen Gedichte Gunthars, die uns nicht erhalten sind, müssen geistlichen Inhalts gewesen sein: "Nicht den Parnaß suchst du, auf der Burg des Sionsberges singt deine Muse. Und den Trank des Pegasus verschmäht deine Muse, sie trinkt die heiligen Fluten der Quelle Siloa". Auch in diesem Gedicht heißt es wieder: 'Orpheus kann dir kaum gleichkommen'. Neben Gunthar preist Sedulius auch den Kölner Bischof Hildvin, Gunthars Vorgänger oder Gunthars Bruder, und unter seinen Werken ist handschriftlich auch eine Grabschrift auf den Kölner Chorbischof Hildibert überliefert, die als Inschrift noch heute in der Nikolauskapelle von St. Gereon erhalten ist. Noch ein anderer wandernder Schotte, dessen Namen wir nicht kennen, hat Gunthar in lateinischem Liede besungen. Ihm erschien danach die Weisheit und forderte ihn auf, ihm in das Haus Gunthars zu folgen, 'der ein guter Hirt der Seinen ist, mit seiner Lehre nährt er die Geister, die Körper mit Speise und Kleidung'. Auch dieser Ire preist Gunthars kunstreiche Lieder und seinen hohen Geist. Und er fährt fort: 'Ein Vaterland ist er den Armen, den Blinden ein herrliches Licht und ein Schreiten den Lahmen. Er ist der glänzende Sproß aus vornehmem Geschlecht und eine Zierde des Frankenstammes'. Aus diesen Gedichten lernen wir den kultivierten, aber etwas spielerischen Geist kennen, der in Gunthars Umgebung herrschte. Sicherlich hat dieser Geist, haben diese fremden Gelehrten auch auf die Domschule eingewirkt. Aber aus einem anderen Gunthar gewidmeten Werk lernen wir auch den Vorsteher dieser Schule selbst kennen, Meginhart von Fulda. Er war unter dem Lehrer Rudolf in Fulda, dem bedeutendsten Mittelpunkt des geistigen Lebens, gebildet, war von Gunthar an die Kölner Domschule berufen worden, und kehrte nach seiner Kölner Tätigkeit wieder nach Fulda zurück, wo er die Geschichte der Uebertragung des heiligen Alexander nach Wildeshausen, die sein Lehrer begonnen Seite 240 hatte, vollendete. Außerdem ist uns von ihm eine Predigt über den heiligen Ferrutius erhalten, wie die Fortsetzung der Uebertragungsgeschichte ein Wunderbericht ohne größeres Interesse. Interessanter ist eine Schrift, die Meginhart in der Zeit seiner Kölner Tätigkeit verfaßte. Sie ist auf Wunsch des Erzbischofs Gunthar geschrieben und hat die Aufschrift: 'Ueber den Glauben, die Verschiedenheit der Glaubensbekenntnisse, das Glaubensbekenntnis selbst und die Seuchen der Irrlehren' Meginhart entnimmt seine Ausführungen zum Teil aus Rufins Kommentar zum apostolischen Glaubensbekenntnis, aus Augustins Werk 'Ueber die Irrlehren' und aus der Schrift des Gennadius 'Ueber die Dogmen der Kirche'. Der philosophisch gehaltene erste Teil über den Glauben scheint eine gewisse Begabung für selbständiges Denken zu verraten, wenigstens sind Quellen für diese Ausführungen noch nicht nachgewiesen. Dem Gehalt nach bewegt sich freilich alles in den Bahnen der Tradition. 'Auch Wahres von Gott zu sagen ist gefährlich' sagt Meginhart. In der Widmung an Gunthar spricht sich Meginhart auch über sein Schulamt aus. Er beklagt sich darüber, daß Gunthar, der ihn mit der Sorge für sein überaus schweres Amt belastet habe, nun auch dies neue fast unmögliche Werk verlange. Den Alten, sagt Meginhart, galt die Bildung junger Geister als eine volle Laufbahn. Heute aber werden die, die der Schule vorstehen, nach Brauch der Kirche mit doppelter Leistung bestraft. Den ersten Teil ihrer Arbeit wenden sie an die Erziehung, den anderen verbrauchen sie auf wissenschaftliche Tätigkeit. Eins von beiden wächst schon zu so großer Sorgenlast, beides zusammen können menschliche Kräfte nicht tragen. Niemand, als der es selbst erfahren, kann diese Sorgenangst ermessen' Meginhart hofft, daß der Bischof, dessen Dienst er sich einzig geweiht habe, ihn bald aus der Schultätigkeit, diesem Vorspiel der höllischen Strafen entlassen werde. Hoffen wir mit ihm, daß er später in Fulda angenehmere Tage gesehen hat. Aber solche Klagen sind im übrigen ebensowenig ernst zu nehmen, wie die übertriebenen Bescheidenheitsfloskeln der mittelalterlichen Schriftsteller, an denen es auch bei Meginhart nicht fehlt. Seite 241 Unter Erzbischof Gunthar wurde in der Kölner Domschule auch Gunthars Neffe Radbod, der also den Namen des friesischen Ahnherrn trug, gebildet. Er wurde später Bischof von Utrecht. Sein Schüler und Nachfolger war dann Balderich, unter dem der Sachsenprinz Bruno in Utrecht den ersten Unterricht genoß, der später die Kölner Domschule zu neuem Glanz erwecken sollte.

Denn was Karl gepflanzt hatte und was seine nächsten Nachfolger gepflegt hatten, sollte nicht dauern. Lothars II. Ehehändel, bei denen Gunthar sein Helfer war, hatten seine Kraft und die seines Landes Lotharingien zerrieben. Die Zeit kam, wo die Normannenstürme über die Rheinlande dahinbrausten, und die Zeit, wo die karolingische Kultur allenthalben versandete. Es mußte ein neuer Grund gelegt werden: Als der Sachsenkaiser Heinrich den deutschen Nationalstaat geschaffen hatte und dann sein Nachfolger Otto der Große seinen Bruder Bruno als seinen Vertrauensmann zum Erzbischof von Köln und zum Herzog von Lothringen machte, erwuchs eine neue Kultur in den Rheinlanden. Bruno brachte auch die Kölner Domschule zu neuer Blüte. Er war wie schon bemerkt in Lothringen gebildet. Als vierjährigen hatte ihn sein Bruder der Schule in Utrecht anvertraut. Bischof Balderich war dort selbst sein Lehrer. Brunos Studien hat sein Zeitgenosse Ruotger geschildert, der wahrscheinlich Benediktiner in dem von Bruno gegründeten Kloster St. Pantaleon in Köln war, in einer der besten mittelalterlichen Biographien, der ersten eigentlichen Biographie, die wir von einem Kölner Erzbischof besitzen. Der christliche Dichter Prudentius bildete danach seine erste Lektüre, 'nachdem er die ersten Grundlagen der Grammatik erlernt hatte'. 'Später', berichtet Ruotger etwas panegyrisch weiter, gab es nicht ein einziges Gebiet in jeglicher schönen Literatur der Griechen und Lateiner, das sich der Lebhaftigkeit seines Geistes entzogen hätte'. Im fünfzehnten Lebensjahr berief Otto den Bruder an den Hof. Hier hatte Otto, obwohl er selbst der höheren Bildung entbehrte, wieder, wie zu Karls Zeiten, die gelehrtesten Männer der Zeit versammelt. Bruno wußte das zu nutzen. 'Und was nur Geschichtsschreiber, Seite 242 Dichter und Philosophen Neues und Großes ruhmvoll verkündeten, durchforschte er mit Gelehrten aller Zungen und wenn auf einem Gebiete sich ein Meister durch Gewandtheit des Geistes auszeichnete, bot er sich demütig als Schüler an'. Die vierzehn Jahre, die Bruno am Hofe des Bruders verbrachte, sind entscheidend für seine geistig-wissenschaftliche Bildung gewesen. Hier erwarb er sich jene Gelehrsamkeit, von der Hrotsvit von Gandersheim sagt, daß sie von Niemand übertroffen wurde. Der iro-schottische Mönchsbischof Israel also wieder einer jener wandernden Iren, von denen wir schon mehrere kennen gelernt haben, war vor allem sein Lehrer, daneben andere, auch Griechen. Oft veranstalteten die Gelehrten des Hofes gelehrte Unterhaltungen und Disputationen, nicht selten unter Ottos Vorsitz, und stets nahm Bruno an ihnen teil. Unermüdlich war nach den Berichten Ruotgers Bruno auch dabei, sich selbständig weiterzubilden. 'Wohin immer nämlich das königliche Hoflager sich wandte, führte er seine Bibliothek, wie die Bundeslade mit und trug so bei sich sowohl den Gegenstand als auch das Hilfsmittel seines Studiums, den Gegenstand in den göttlichen, das Hilfsmittel in den heidnischen Büchern'. 'Nach dem Mahle, wenn andere und auch die Vorfahren, wie uns überliefert ist, ein wenig sich der Ruhe hingeben, widmete er sich um so eifriger der Lektüre und dem Nachdenken'. Und weiter: ,Possen und mimische Spiele, über die, wenn sie in Komödien und Tragödien durch verschiedene Rollen vorgebracht werden, sich manche in lautem und endlosem Lachen schütteln, las er immer zu ernsthaften Zwecken, ihren Inhalt achtete er sehr gering, ihren vorbildlichen Wert für Redewendungen sehr hoch'. Man muß immer daran denken, daß hier der Mönch spricht, der seinen Helden als heiligen Bischof schildern will. Wir lesen jedenfalls heraus, daß Bruno ein Interesse für dramatische Literatur hatte. In der Hauptsache wird es sich um den römischen Komödiendichter Terenz handeln, der in dieser Zeit viel gelesen wurde. Es war ja dieselbe Zeit, in der Hrotsvit von Gandersheim ihre Dramen nach dem Muster des Terenz schrieb, um diesen Heiden und unzüchtigen Dichter zu Seite 243 verdrängen. Ich habe früher einmal die Vermutung ausgesprochen, daß Bruno zu den gelehrten Männern gehörte, denen die Nonne von Gandersheim ihre Dramen zur Beurteilung vorlegte, bevor sie sie weiteren Kreisen zugänglich machte. Diese hohe Bildung brachte Bruno nun auch nach Köln. Aus dem an Kultur jungen Sachsenlande mußte sie erst wieder in das alte Köln und seine Domschule getragen werden. Das geschah offenbar nicht ohne den Widerstand der einheimischen Geistlichkeit. Ruotger spricht von 'jenen die in bitterem Eifer entbrannt, ungebildet in den allgemeinen Wissenschaften, Bestrebungen die ihrem eigenen Tun so ganz unähnlich waren und die sie weder ändern konnten noch zu schätzen wußten, durch Verkleinerung und Schmähung zu stören suchten'. Gegen diese Gegnerschaft soll ihn offenbar auch ein Gesicht verteidigen, das nach Thietmar von Merseburg ein Geistlicher der Zeit hatte. Er sah, wie Bruno vor dem Richterstuhl Gottes der eitlen Beschäftigung mit Philosophie angeklagt, aber vom Apostel Paulus erfolgreich verteidigt wurde. Die Wirkung von Brunos Bemühungen können wir aber schon daraus erkennen, daß die geistig bedeutendsten Bischöfe der folgenden Zeit Zöglinge der Kölner Domschule waren: Eberacher von Lüttich, Theoderich von Metz, Wikfried von Verdun, Gerhard von Toul. Die Persönlichkeit und die Namen der Lehrer, die unter Bruno in Köln wirkten, kennen wir nicht.

Anfangs des elften Jahrhunderts unter den Erzbischöfen Heribert und Pilgrim wirkte dann an der Kölner Domschule der zweite Lehrer, der uns nach Namen und Persönlichkeit bekannt ist, Meister Ragimbold. Ihn schildert sein Lütticher Kollege Adelmann, der später Bischof von Brescia wurde, in einem rhytmischen Gedicht: 'Reginbold der Kölner, ein geistesmächtiger Mann, der barbarische Ohren an die Rede der Lateiner gewöhnt, bekannt von den Burgen Roms bis zum Ozean; lange weilte er als Gast in unserem, Lüttich, in Lüttich, das der großen freien Künste Pflegestätte war, unter Wazo und dem, dem diese Verse angehören'. Mehr als zwanzig Jahre hat Ragimbold der Kölner Domschule vorgestanden. In seiner eigenen wissenschaft- Seite 244 lichen Tätigkeit war er hauptsächlich Mathematiker, in dieser Wissenschaft in der berühmten Schule von Chartres gebildet. Er scheint sich freilich nicht lange dort aufgehalten zu haben, aber er hat den großen Fulbert dort gehört und stand mit anderen Zöglingen der Schule in Verbindung. Ein Briefwechsel über mathematische Fragen, den er mit seinem Lütticher Kollegen Radolf führte, belehrt uns darüber, welche Fragen damals die Mathematiker interessierten. Ragimbold stand damals schon in höherem Alter und beabsichtigte sein Lehramt in Köln niederzulegen. Während Radolf Ragimbold über den Beweis des Satzes belehrt, daß die Summe der Dreieckwinkel zwei rechte Winkel beträgt, bemüht sich Ragimbold um die Verdopplung eines Quadrats. Auch von der Quadratur des Kreises ist in diesem Briefwechsel die Rede. In einem Briefe ladet Radolf den Ragimbold ein nach Lüttich zu kommen, ein Astrolabium das erste im Abendlande erwähnte zu besichtigen. Aus einer anderen mathematischen Schrift der Zeit erfahren wir, daß Ragimbold die Diagonale des Quadrats mit 17/12 der Seite berechne, und daß Gerbert (Papst Silvester II) und Razechin ihm darin beistimmten. Jedenfalls lernen wir in diesem Kölner Schulmeister und seinen damaligen Fachgenossen Männer kennen, die im Bereich ihrer Wissenschaft zu den ersten Gelehrten ihrer Zeit gehörten und eine verhältnismäßig bedeutende Kenntnis antiker Mathematik besaßen. Auch Erzbischof Pilgrim selbst scheint Interesse für Mathematik und Musik gehabt zu haben, es wird von ihm berichtet, daß er mit seinem Vetter oder Oheim Aribo von Mainz darin gewetteifert habe, am Hofe die Vorträge Wazos zu hören, der schon als Lütticher Schulmeister genannt wurde und zum Kreise Ragimbolds gehörte. Berno von Reichenau widmete ihm sein Buch über die Töne, wobei er die Pflege der Musik in der Kölner Kirche rühmte. Aus dem ersten Viertel des elften Jahrhunderts ist auch wieder ein Ausleihverzeichnis der Dombibliothek erhalten, in dem unter andern der Schulmeister Evezo von St. Kunibert und die Aebtissin von St. Ursula, die einen Terenz nebst dem Servius entliehen hat, genannt sind. Und später noch scheint Seite 245 in der Kölner Schule Interesse für Mathematik vorhanden gewesen zu sein. Denn der Lütticher Schulmeister Franko widmete Pilgrims Nachfolger Hermann II. 10361056 ein Werk über die Quadratur des Kreises und die Annalen des Albert von Stade haben uns eine Sammlung von arithmetischen Scherzen bewahrt, die in dieser Form wahrscheinlich in Köln entstanden ist. Es handelt sich um Rätsel wie dieses: Ein Wolf, ein Bock und eine Ladung Kohl soll über einen Fluß gebracht werden, ohne daß der Wolf den Bock und der Bock den Kohl frißt. Der kleine Kahn faßt außer dem Schiffer immer nur eine der drei Lasten.

Als Ragimbold Vorsteher der Domschule war, wurde ihr der junge Sohn eines vornehmen Geschlechtes aus dem Ripuariergau anvertraut, Wolfhelm, der spätere Abt von Brauweiler. Es war noch in der letzten Zeit des Erzbischofs Heribert. Bald zeichnet er sich unter den Mitschülern aus, besonders auch durch sein Gedächtnis. Was er in der heiligen Schrift einmal las, behielt er. Und außer den göttlichen Schriften durchdrang er, in hohem Fluge des Geistes, was der Dichter sang, was der beredte Redner sprach, was der Philosoph ersann, wie sein Biograph berichtet. Bald nahm ihn der Schulmeister zum Genossen und Teilnehmer seiner Arbeit, indem er die Last der Schulleitung mit ihm teilte. Aber Wolfhelm zog es in die klösterliche Einsamkeit, er entfloh nach Trier, wo er in die Abtei St. Maximin eintrat. Erzbischof Hermann II. wurde bestürmt, ihn der Kölner Kirche wiederzugewinnen. Wirklich zurückberufen, wollte Wolfhelm nicht mehr in das Domstift eintreten. Er begab sich in die Obhut seines Oheims, des Abtes Hermann von St. Pantaleon, wurde bald Abt von Gladbach, später von Brauweiler. Wir besitzen von Wolfhelm eine kurze Schrift gegen die Irrtümer Berengars über das Altarsakrament und einige Briefe, in denen er im Namen des heiligen Nikolaus, des Patrons von Brauweiler den Besitz seines Klosters gegen die Anordnungen des Erzbischofs Anno verteidigte. In den Kämpfen zwischen Heinrich IV. und Papst Gregor VII. stand er auf Seiten des Kaisers und in der im Mittelalter immer wieder erörterten und oft leidenschaftlich umkämpften Frage, ob Seite 246 es erlaubt und heilsam gewesen sei, die Werke der heidnischen Schriftsteller des Altertums zu lesen, auf Seiten der freieren Richtung, die diese Lektüre für nützlich und ungefährlich hielt. Er wurde deshalb schwer von einem Vertreter der streng-kirchlichen Partei in Wissenschaft und Politik angegriffen. Manegold von Lautenbach schreibt gegen Wolfhelm: 'Als wir in den Gärten von Lautenbach zusammen waren und ich nach Gelehrtenart' über die Schriften, die wir damals gerade in Händen hatten, ein Gespräch gegen dich begann, da stritten wir darüber, daß du wenig gefunden hättest bei den Philosophen und im Traum des Scipio von Macrobius, von dem die Rede war, ich aber vieles, was dem Glauben und dem Seelenheil zuwider ist. Leicht stellte sich heraus, daß du wenig gebildet in den göttlichen Wissenschaften durch angeborene Wildheit und Widerspruchsgeist, Dinge verteidigt hast, von denen du nichts verstandest, und wenn du so dachtest, vom Grunde des wahren Glaubens abgeirrt bist. Du hast gesagt, du wüßtest nichts in diesen Schriften, was dein Geist sehr verschmähe. Da habe ich dich, der du mich mit vielen Schmähungen gereizt hast, dich den wütenden und drohenden verlassen. Jetzt will ich dir zeigen, daß darin doch die Schlechtigkeit der Irrlehre enthalten ist. Zugleich will ich über den Papst Gregor schreiben, den du durch dein dreckiges Maul ziehst, damit du in dich gehst. Der späteren Sünde Grund ist ja die frühere'. Man muß von dieser Polemik des streitbaren Manegold das abziehen, was zu den Formen theologischer Streitigkeiten gehört, wie sie seit den Tagen des heiligen Hieronymus üblich geworden waren, und daraus nur entnehmen, daß Wolfhelm ein Freund der Klassiker war und gut kaiserlich gesinnt. Daß auch die Kölner Domschule das Studium der Alten pflegte, kann man wohl aus Wolfhelms Anschauungen und dem, was sein Biograph über seine Studien berichtet, entnehmen. In der rheinischen Geschichtsschreibung des elften und des beginnenden zwölften Jahrhunderts können wir einen großen Einfluß Wolfhelms und seiner Schule beobachten. Die Gründungsgeschichte des Klosters Gladbach stützt sich auf seine Angaben und Seite 247 die seines Oheims Hermann, des Abtes von St. Pantaleon. Die Lebensbeschreibung des Pfalzgrafen Ezzo (Erenfried), die auch die Begründung von Wolfhelms Abtei Brauweiler erzählt, ist ihm gewidmet. Das Leben der Adelheid, der Begründerin des Klosters Vilich, hat Wolfhelms Schwester Berta verfaßt und sein eigenes Leben hat ein Mönch Konrad von Brauweiler beschrieben. Alle diese Geschichtswerke sind in Reimprosa geschrieben, einer Stilform, die auch die von Wolfhelms eigenen Schriften war. Zu Wolfhelms Zeit unter Erzbischof Hermann II. war auch der große Papst, den er bekämpft, Gregor VII, eine Zeitlang Schüler der Kölner Domschule. Er schreibt darüber an Erzbischof Anno: Dankbar erinnern wir uns der Ausbildung, die wir zur Zeit Eures Vorgängers, in der Kölner Kirche genossen haben, und hegen für sie unter den Kirchen des Westens besondere Liebe'.

Von dem in der Zeit nach Ragimbolds Tätigkeit urkundlich bezeugten Kölner Domschulmeistern des elften Jahrhunderts kennen wir von Everhard nichts als den Namen, von Wichmar wissen wir nur, daß er später Domdechant war. Ihm folgt in der Reihenfolge der urkundlichen Bezeugung im Anfang des zwölften Jahrhunderts Eckbert. Er wurde später Domdechant und war von 1127 bis 1132 Bischof von Münster. Hermann, Abt von Scheda, ein getaufter Jude, mit jüdischem Namen Judas, führt in der Schilderung seiner Bekehrung diese zum Teil auf eine Predigt zurück, die Eckbert über die zehn Gebote und die jüdischen Kultgebote gehalten hatte, und wir erfahren von ihm weiter, daß Eckbert eine in seiner Zeit nicht allgemeine vernünftige Ansicht über die Gottesurteile hatte. Als des Bischofs Verwalter Wichmar sich erbot, durch das Gottesurteil des heißen Eisens für das Christentum zu zeugen, um den Juden zu bekehren, wehrte Eckbert ihm das mit der Begründung, daß man Gott nicht versuchen solle. Eckbert hat sich in Münster durch prächtige Bauten ein gutes Andenken geschaffen. Er hat den neuen Dom und das Unterwasserstift wiederhergestellt. Kaiser Lothar von Supplinburg schätzte seinen Rat und betraute ihn mit einer Gesandtschaft nach Clermont zu Papst Innocenz II. Lothar hatte Seite 248 sich mit auf Eckberts Veranlassung für diesen gegen den Gegenpapst ausgesprochen. Sogar der große Bernhard von Clairvaux erklärte, daß Eckbert neben den Erzbischöfen von Magdeburg und Salzburg seine Stellungnahme für Innocenz mitveranlaßt habe. Er sagt von den drei Bischöfen: 'Ihr sonderlicher Ruhm, ihre große Heiligkeit und ihr Ansehen, das selbst die Feinde achten, hat uns, die wir an Verdienst und Amt geringer sind, leicht dazu gebracht, mit ihnen zu irren oder weise zu sein'. Von den weiteren Domschulmeistern der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts wissen wir wieder wenig, von Obbertus oder Gobbertus, neben dem noch ein Unterschulmeister Johannes wirkte, nur den Namen, von Adelhelm nur, daß er später die höchste Würde im Domkapitel, die des Propstes erhielt. Lebendiger steht dann wieder der langjährige Domschulmeister Rudolf vor unseren Augen und zwar durch die Schilderungen des Caesarius von Heisterbach, dem wir soviel für unsere Kenntnis des rheinischen Lebens um 1200 verdanken. Wir wissen von ihm, daß Rudolf auch in Paris gelehrt hat und als damals sein Mitkanoniker Philipp von Ottirburg in den Zisterzienserorden eintrat, ihn davon abhalten wollte. Zu seinem Schmerze blieb der Freund fest. Rudolf muß also doch wohl ein weltfreudiger Mann gewesen sein. Auch aus anderen Erzählungen des Caesarius, der ihn selbst häufig gehört hat, erfahren wir, daß er bei all seiner hohen Gelehrsamkeit eine deutliche, ja mitunter burschikose Sprache führte. Ein Archidiakon, so sagte er einmal, der nicht Priester ist, kann einen Esel binden und lösen, aber keine Seele. Er wandte sich damit gegen die vornehmen Kleriker, die hohe geistliche Richterämter erlangten, ohne Priester zu sein. Die Frage, ob die Seelen von Engeln oder von Teufeln ins Fegefeuer geleitet würden, beantwortete er: 'Von Engeln, denn auch das Gold wird nicht von Kohlenbrennern, sondern von Goldschmieden geläutert' 'Not kennt kein Gebot, sagte er ein andermal. Bevor ich Hungers sterben würde, würde ich mir selbst von den Füßen des Gekreuzigten rauben, was ich essen könnte'. Die vielerörterte Frage, ob Christus auch Mensch geworden wäre, wenn Adam nicht gesündigt hätte, beantwortete Seite 249 er abweichend von den meisten Theologen bejahend. 'Glaubt ihr, daß die Menschwerdung nur in der Notwendigkeit oder nicht vielmehr in der Liebe ihren Grund hat'. Er steht hier vielleicht unter dem Einfluß des Rupert von Deutz, der ähnlich gedacht hat. Rudolfs Nachfolger als Leiter der Kölner Schule, war wohl der bedeutendste Mann, der ihr vorgestanden hat, Oliver, der berühmte Kreuzprediger und Geschichtsschreiber des fünften Kreuzzuges. Oliver war, bevor er nach Köln kam, erst Stiftsherr und dann kurze Zeit Vorsteher der Domschule in Münster gewesen. Man hat vermutet, daß er auch von Geburt Westfale oder Niedersachse war. Ich möchte eher glauben, daß er aus Flandern oder Brabant stammte. Denn der Name 'Oliver' kommt in Westfalen und Niedersachsen sonst im Mittelalter nicht vor, während er in Flandern und Brabant häufig war. Und gerade in Flandern und Brabant und dem angrenzenden Friesland hat Oliver später als Kreuzprediger gewirkt und man kann sich die gewaltige Wirkung seiner Predigt ohne Kenntnis der Landessprache schwer erklären. Nachdem Oliver über zwanzig Jahre die Würde eines Kölner Domscholasters diese Bezeichnung tritt von nun an immer mehr an die Stelle der eines Schulmeisters innegehabt hatte, wurde er allerdings nicht unbestritten zum Bischof von Paderborn gewählt, aber schon nach zwei Jahren zum Kardinal von S. Sabina ernannt. Nach weiteren zwei Jahren ist er als solcher gestorben. Eine persönliche Lehrtätigkeit kann Oliver, wenn überhaupt so nur mit großen Unterbrechungen ausgeübt haben. Vermutlich hat er schon 120406 im Süden Frankreichs den Kreuzzug gegen die Albigenser gepredigt. 1207 hielt er sich längere Zeit in Paris auf und ist dann wieder einige Jahre in Köln nachzuweisen. In den Jahren 12141215 war er mit der Kreuzpredigt betraut. Die Quellen der Zeit und die eigenen Berichte Olivers erzählen von den riesigen Erfolgen, die er durch seine Predigt für die Sache des Kreuzzuges erreichte, von den Wunderzeichen, die geschahen und den Scharen der Gläubigen, die das Kreuz nahmen. Und als dann 1215 das Laterankonzil einberufen wurde, entsandte das Erzstift Köln Oliver als seinen Ver- Seite 250 treter. Den Kreuzzug selbst hat der Kölner Domscholaster dann in treuer Erfüllung seines Gelübdes mitgemacht. Die Eroberung von Damiette ist zum Teil sein Verdienst. Und als der Feldzug in Aegypten mißlang, ja, als die Kreuzfahrer mit ihnen auch Oliver in die Gefangenschaft des Sultans Al-Kamil gerieten, hatte man auch gegen seine Stimme, gegen seinen Rat gehandelt. Bis zum Jahre 1221 blieb Oliver im Orient, alles mit offenen Augen betrachtend, wie seine Schilderungen beweisen. Die literarische Frucht seines Aufenthaltes im Orient sind seine vier Hauptwerke: 'Die Beschreibung des heiligen Landes', 'Die Geschichte vom Ursprung Jerusalems und seinen Schicksalen', 'Die Geschichte der Könige des heiligen Landes' und 'Die Geschichte von Damiette'. Noch einmal weilte Oliver nach seiner Rückkehr kurze Zeit in Köln und predigte auch einmal in der Domkirche. Dann zog er noch einmal zur Kreuzpredigt aus. Als 'er dann Bischof von Paderborn geworden war, bediente sich König Heinrich VII. gern seines Rates, und als Kardinal wurde Oliver noch ein Jahr vor seinem Tode von Papst Honorius als Gesandter zu Kaiser Friedrich II. nach Apulien geschickt. Aus der Stellung eines Kölner Domschulmeisters war Oliver schon bald, nachdem ihm diese Würde übertragen worden war, herausgewachsen. Aber in seinen Schriften zeigt sich Oliver als eine wissenschaftliche, ja mitunter bemerkenswert freidenkende Natur. Bewundernd erkennt er die Großmut, mit der Sultan Al-Kamil die gefangenen Christen behandelte, an. Die Dankbarkeit, die auch er persönlich dem Sultan gegenüber empfand, treibt ihn in einem Briefe sich an ihn zu wenden, um ihn zu überreden, das beste Gegengeschenk, das er anbieten könne, anzunehmen, das Christentum, dessen ihn sein Name Al-Kamil = der Vollendete und sein edler Charakter würdig mache. Oliver ist frei davon, in dem Feinde seines Glaubens nur ein verabscheuenswürdiges heidnisches Scheusal zu sehen. Von Olivers Nachfolgern als Kölner Scholaster, Albert und Bonifacius wissen wir wieder nur den Namen. Aber vielleicht war in Franko, der von 12431248 urkundlich als Kölner Domscholaster nachzuweisen ist, noch einmal und zwar Seite 251 zum letztenmal ein Gelehrter Vorsteher der Domschule. Es müßte dann jener Franko von Köln gewesen sein, der sicher einen 'Abriß des Diskants' und vermutlich 'Die Kunst des Mensuralgesangs' geschrieben hat. Die Frage ist strittig. Aber soviel kann gesagt werden: Franko von Lüttich, der Erzbischof Hermann II. ein Werk über die Quadratur des Kreises gewidmet und der auch über die kirchliche Zeitrechnung geschrieben hat, kommt als Verfasser der musiktheoretischen Schriften nicht in Frage, einmal, weil ihr Verfasser nach Johannes von Garlandia geschrieben haben muß und zweitens, weil er einen ganz anderen, viel schwülstigeren Stil schreibt. Und Franko von Paris, den man auch genannt hat, ist für uns eine nebelhafte Gestalt, da er nicht nachzuweisen ist. Es bleibt der Kölner Franko, oder vielmehr vielleicht die beiden Kölner Franko. Denn auch an St. Kunibert ist 122124 ein Schulmeister Franko nachzuweisen. Beide können identisch sein, aber wahrscheinlich ist das nicht. Wenn der Kölner Domschulmeister der Verfasser der Kunst des Mensuralgesangs ist, so hat er ein Werk geschaffen 'daß eine für längere Zeit maßgebende Kodifizierung der Satzregeln der Zeit bedeutete und den vorher herrschenden Willkürlichkeiten und Zweideutigkeiten der Notengeltung ein Ende machte'. (Riemann-Einstein). Der Abriß des Diskants ist bestimmt von einem Kölner Franko verfaßt, denn er beginnt: 'Ich, Franko von Köln'. Aber dies Werk ist nach dem Urteil der Fachleute unbedeutender, wenn auch nicht ganz ohne Wert. Als ich in den Domkalendarien den Todestag des Scholasters Franko am Tage der heiligen Caecilia, der Patronin des Kirchengesangs eingetragen fand, glaubte ich einen Beweis dafür gefunden zu haben, daß er der Musiktheoretiker sei, dessen Gedächtnisfeier man auf diesen Tag verlegt hätte, ihn zu ehren. Ich mußte mich aber überzeugen, daß Franko an verschiedenen Tagen des Jahres Gedenkfeiern für sich stiftete. Bei allen steht in den Kalendarien der Vermerk: 'Gedächtnisfeier des Scholasters Franko'. Nur am Caecilientag steht: 'Todestag des Scholasters Franko'. Es war also wirklich sein Todestag. Franko folgte ein Scholaster Johannes, von dem wir wiederum nichts als Seite 252 den Namen wissen. Und dann kommt die Zeit, wo wir nicht damit rechnen können, einen Gelehrten an der Spitze der Kölner Domschule zu finden. Auch die Scholasterwürde, die dritte, zeitweise die vierte in der Rangfolge der Domstiftspfründen war von nun an ausschließlich dem hohen Adel vorbehalten. Andere Stifter gingen darin andere Wege. In dem ebenfalls freiherrlichen Stift St. Gereon in Köln zum Beispiel wurde der Scholaster nach wie vor aus der Reihe der gelehrten Priesterkanoniker genommen. Freilich hatte der Scholaster hier auch abweichend vom Dom das Urkundenwesen unter sich. Das Amt des Vorstehers der Domschule hatte auch einen großen Teil seiner Bedeutung eingebüßt. Die Domschule gewährte den jungen Schülern durch untergeordnete Lehrkräfte nur mehr die erste Vorbildung. Ihre höhere Bildung erwarben dann die jungen Kanoniker an den Universitäten, in Paris, in Bologna, später in Köln selbst und in Erfurt. Am Kölner Dom fand die Emancipation der jungen Edelherrn, das heißt die Aufnahme in den Genuß einer Pfründe schon im Alter von 15 Jahren statt. Vorher mußten sie 'durch den Scholaster oder andere, die dazu geschickt und geeignet und die durch den Scholaster oder das Kapitel damit beauftragt waren, in der Grammatik geprüft werden, ob sie genügend Grundlagen hatten, so daß sie vollkommen lesen und verstehen konnten, damit sie in Zukunft im Chor ihre Pflichten und Aufgaben, in Lesungen, Psallieren und Gesang der Lesungen, Morgenversikel und Episteln der Messe in verständlicher Aussprache erfüllen und durchführen können'. Viel war es also nicht, was verlangt wurde, und wir können annehmen, daß man mehr auch auf der Domschule nicht mehr lernen konnte. Die Prüfungsbestimmung stammt zwar aus späterer Zeit, spiegelt aber sicher die Verhältnisse wieder, wie sie sich im dreizehnten Jahrhundert allmählich herausbildeten. Außerdem war später bei der Emanzipation zum Kanoniker ein bestimmtes Körpermaß vorgeschrieben, das an der Tür zum Kapitelsarchiv angegeben war.

Ueber die Einkünfte, die den Domschülern zustanden, soweit sie Kanoniker waren, belehren uns die ältesten Statuten des Domstifts aus der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. Da- Seite 253 nach waren sie für einen Teil des Einkommens, die 'Waringa', den anderen Stiftsherren gleichgestellt. Die Domherrn hatten weiter 129 reichliche und 48 geringere Fleischtage, ebenso 63 reichliche und 103 geringere Fischtage. Diese Bezüge wurden aber in Geld ausgezahlt, dabei erhielten die jüngeren Stiftsherrn, die Inhaber der kleineren Pfründen halb so viel, als die älteren. Die Schüler waren, soweit sie Kanoniker waren, im Besitz einer der zwanzig kleineren Pfründen. Es wird auch ausdrücklich bestimmt, daß ihre Familie wie die der anderen Stiftsherrn nach ihrem Tode noch ein Jahr und dreißig Tage die Pfründe weiterbezieht. Sie wohnten allerdings in einem gemeinsamen Schlafsaal, und hatten wohl auch gemeinsamen Tisch, während die älteren Stiftsherrn in eigenen Häusern wohnten. In einer Reihe von Bestimmungen der Statuten sind die Bezüge der Schüler, die Kanoniker waren, allerdings besonders festgesetzt. So heißt es, daß sie an Festtagen 36 Staufe (Stauf etwa = Liter) Wein auf den Schlafsaal erhalten. Bei besonderen Weinlieferungen empfingen sie einen geringeren Anteil, so bei dem 'Oveleiwin' von Senheim, Rhens und Linz. Die Priester und Diakone erhielten dann 5 Staufe, die Subdiakone 3 Staufe und die Schüler einen Stauf. Von der Bierlieferung kamen auf jede Pfründe 2 Fuder, die Schüler erhielten aber nur ein Fuder, das sie außerdem den Wärtern des Schlafsaales weitergeben mußten, dafür, daß sie ihnen die Betten machten. Einmal erhalten die älteren Kanoniker zwei anständige Portionen Schweinefleisch und zwei ebensolche Hammelfleisch, die jüngeren wie die Schüler nur halb so viel. Bei der 'Meringa', der Abendmahlzeit kommt auf die Schüler ein halber Stauf Wein, ein Viertel Brot und zwei Eier, auf die anderen Kanoniker je nach Rang das doppelte und vierfache. Die Abwesenden erhalten nichts, ebensoweit die Schüler, wenn sie 'in den Wald gehen'. An 'einer Reihe von Tagen bekommen die Kanoniker je einen Hahn, die Schüler dagegen nur 6 Eier. Johannis und Peter und Paul werden Kirschen, Maria Geburt, Kirchweih und Michaelis Birnen verteilt, dann erhalten die Schüler ebenso wie die anderen Stiftsherrn zwei gute Schüsseln. In der Bittwoche aßen die Seite 254 Schüler, die Stiftsbeamten und die Fahnenträger bei der Prozession je einmal in St. Maria im Kapitol, in St. Caecilien, in St. Gereon und im Deutzer Kloster und mußten gut bewirtet werden. An den hohen Festtagen Ostern, Himmelfahrt, Peter und Paul, Kirchweih, Maria Reinigung und Weihnachten, wenn es auf einen Sonntag fiel, gab der rangälteste Kustos bei der Prozession den Schülerkanonikern, den vier Kustoden und den Türhütern ein Gebäck im Werte eines Hälblings, zwei Schweinebeine, einen gebratenen Hahn und Wein für einen Denar. Wenn an einem der Feste kein Fleisch gegessen wurde, trat Salm an seine Stelle, ebenso war es auch am Palmsonntag. Ausdrücklich muß noch einmal bemerkt werden, daß in diesen Statuten immer nur von den Schülern die Rede ist, die Kanoniker sind. Daß die Schüler, die es nicht oder noch nicht waren, auch begabt wurden, ist also nicht anzunehmen. Von ihnen ist überhaupt nur in einer mittelalterlichen Quelle die Rede, den Statuten der Domkustodie. Die Schülerkanoniker, die den Petersaltar um des Lohnes willen zum Gottesdienst herrichteten, hatten die Opfergaben verlangt, die dargebracht wurden von der Herrichtung des Altars an, bis die Messe gelesen würde. Daraus war häufig ein Streit entstanden zwischen dem Kustos des Altars und den Schülerkanonikern. Nun wurde festgesetzt, daß dem Kustos alle Opfergaben gebührten. Dafür mußte er oder sein Vertreter den Schülerkanonikern einmal im Jahr ein Mahl geben in Köln in seinem Hause oder auf dem Hofe in Buchheim. Wenn sie es vorzogen, konnten die Schülerkanoniker die ihnen zustehenden Denare auch zu einem Ausflug, einer Holzfahrt nach Pfingsten verwenden. Dabei konnte jeder Schülerkanoniker noch einen Schulgenossen und nicht mehr hinzuziehen. Ob es sich dabei um Schüler handelt, die noch nicht emanzipiert waren, oder um andere stiftsfremde Schüler, die die Domschule besuchten, ist nicht gesagt.

Das ist, was wir von der Kölner Domschule des Mittelalters und ihren Lehrern und Schülern wissen. Wie auch anderwärts, verlor auch die Kölner Domschule im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts ihre Bedeutung als Seite 255 Stätte der Wissenschaft. Sie mußte sie abtreten an die erst in Italien und Frankreich, dann auch in Deutschland und in Köln selbst neugegründeten Universitäten. Vielleicht war es eine Erinnerung an die Verpflichtung, für die theologische Ausbildung des Klerus zu sorgen, die das Domkapitel veranlaßte, der Kölner Universität in unmittelbarer Nähe des Domes ein Gebäude als Aula für die Vorlesungen und Promotionen der Theologen zur Verfügung zu stellen.

 

Verzeichnis der Kölner Domschulmeister (Domscholaster) nach der Zeit ihrer urkundlichen Bezeugung.

Meginhard von Fulda zw. 850 und 863 später Mönch in Fulda

Ragimbold mindestens 20 Jahre urkundl. 1027.

Everhard 1063

Wichmar 1072-75;1080-81 als Domdechant

Eckbert 1106-18; 1118-26 Domdechant; 1127-1132 Bischof von Münster

Obertus (Gobbertus) 1132-41

Adelhelm 1149-55; 1156-60 als Dompropst

Rudolf 1156-1200

Oliver 1201-23; 1223-25 Bischof von Paderborn; 1225 bis 1227. Kardinal von S.Sabina.

Bonifacius 1229-30

Albert 1233-38

Franko 1243-48

Johannes 1250-57 vorher Dechant an St. Victor in Xanten.

Heinrich von Emelesse vor 1274, auch Dechant an St. Salvator in Utrecht

Wickbold von Holte 1276-1290; 1290-97 Domdechant; 1297-1304 Erzbischof von Köln, seit 1261 Propst Seite 256 von St. Moritz in Münster, seit 1289 Propst an St. Martin in Kerpen.

Wedekind von Holte 1292-1308

 

Unterschulmeister.

Wolfhelm c. 1020 später Abt von Gladbach, Abt von Brauweiler 1065-91

Johannes 1139-1140

Gerhard 1166-1180

Heinrich vor 1293.

 


*) Ich verzichte darauf meinen Aufsatz in dieser für weitere Kreise bestimmten Festschrift mit Nachweisen und Anmerkungen zu belasten und begnüge mich damit, auf einige benutzte Werke und Aufsätze zu verweisen.

H. Schrörs, Ruotgers Lebensgeschichte des Erzbischofs Bruno von Köln übersetzt und erläutert: Annalen des hist. Ver. f. d. Niederrhein. H. 88.

ders., Erzbischof Bruno von Köln. ebd. H. 100.

J. Greven, Kleinere Studien zu Caesarius von Heisterbach, ebd. H. 99.

ders., Die Schrift des Herimannus quondam Judaeus 'De conversione sua opusculum', ebd. H. 115.

M. Manitius, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Bd. l, 2. München 1911, 1925.

H. Hoogeweg, Die Schriften des Kölner Domscholasters, späteren Bischofs von Paderborn Oliverus. Tübingen 1895.

Grove's Dictionary of music and musicians. Third edition. Vol. II. London 1927.

H. Riemanns Musiklexicon. 11 A. bearb. von A. Einstein, Berlin 1929.

Die Zusammenstellung der Scholaster verdanke ich zum Teil den im Kölner Stadtarchiv bewahrten Forschungsergebnissen von H. H. Roth.